Wenn Safety und Security nicht mehr getrennt betrachtet werden können Vernetzte Fahrzeuge, industrielle Automatisierungssysteme, intelligente Maschinen und digitale Medizinprodukte verbinden immer mehr sicherheitsrelevante Funktionen mit Software, Kommunikationsschnittstellen, Cloud-Diensten und externen Netzwerken. Damit entstehen neue Abhängigkeiten zwischen funktionaler Sicherheit und Cybersecurity. Während funktionale Sicherheit – häufig als Safety bezeichnet – vor allem die Beherrschung von Risiken betrachtet, die durch Fehlfunktionen eines Systems entstehen können, befasst sich Security mit Bedrohungen durch unbefugte oder gezielte Eingriffe. In modernen vernetzten Systemen können beide Bereiche jedoch unmittelbar aufeinander einwirken: Ein Cyberangriff kann eine sicherheitsrelevante Funktion beeinflussen – und eine Security-Maßnahme kann ihrerseits Auswirkungen auf Verfügbarkeit, Echtzeitverhalten oder andere Safety-Eigenschaften eines Systems haben. Damit wird das Zusammenspiel von Safety und Security zu einem wesentlichen Bestandteil der Betrachtung von Systemrisiken. Safety und Security folgen unterschiedlichen Risikologiken Funktionale Sicherheit und Cybersecurity verfolgen teilweise unterschiedliche Ausgangspunkte. Bei der funktionalen Sicherheit stehen insbesondere Fehlfunktionen und deren mögliche Auswirkungen auf Menschen, Sachwerte oder Umwelt im Mittelpunkt. Ursachen können beispielsweise zufällige Hardwarefehler, systematische Entwicklungsfehler oder Softwarefehler sein. Cybersecurity betrachtet dagegen unter anderem Bedrohungen, Schwachstellen und mögliche Angriffspfade. Dabei kommt eine zusätzliche Dimension hinzu: Ein Angreifer kann ein System gezielt beeinflussen und sein Vorgehen an vorhandene Schutzmechanismen anpassen. Diese unterschiedlichen Perspektiven spiegeln sich auch in branchenspezifischen Regelwerken wider. Im Automotive-Bereich behandelt beispielsweise die ISO 26262 die funktionale Sicherheit elektrischer und elektronischer Systeme, während ISO/SAE 21434:2021 Anforderungen an das Cybersecurity Engineering von Straßenfahrzeugen definiert. ISO/SAE 21434 betrachtet dabei den gesamten Lebenszyklus elektrischer und elektronischer Fahrzeugsysteme. In industriellen Anwendungen stehen unter anderem die IEC 61508 als grundlegendes Regelwerk der funktionalen Sicherheit und die Normenreihe IEC 62443 für die Cybersecurity industrieller Automatisierungs- und Steuerungssysteme nebeneinander. IEC 62443-4-1 beschreibt beispielsweise Anforderungen an einen sicheren Produktentwicklungslebenszyklus, während IEC 62443-3-3 technische Sicherheitsanforderungen und Security Levels für industrielle Steuerungssysteme behandelt. Wann Cybersecurity zum Safety-Thema wird Die Verbindung beider Disziplinen wird besonders deutlich, wenn eine kompromittierte digitale Funktion physische Auswirkungen haben kann. Ein typisches Beispiel ist ein sicherheitskritisches Steuergerät mit einer Kommunikationsschnittstelle. Aus Sicht der funktionalen Sicherheit ist zunächst relevant, ob das Steuergerät seine vorgesehene Sicherheitsfunktion zuverlässig erfüllt. Eine Cybersecurity-Betrachtung bezieht zusätzlich die Möglichkeit ein, dass Daten, Steuerbefehle oder Software gezielt manipuliert werden. Damit kann ein Security-Ereignis eine Kette auslösen, an deren Ende ein Safety-relevanter Zustand steht. Diese Wechselwirkung betrifft nicht nur einzelne Komponenten. Moderne Systeme bestehen häufig aus eingebetteter Software, Netzwerken, Backend-Systemen, Cloud-Komponenten, Diagnosezugängen, mobilen Anwendungen und Komponenten verschiedener Lieferanten. Die relevante Systemgrenze kann deshalb deutlich über ein einzelnes Produkt hinausgehen. Gerade bei vernetzten Systemen gewinnen damit Schnittstellen und Abhängigkeiten zwischen Komponenten besondere Bedeutung. Typische Zielkonflikte zwischen Safety und Security Safety und Security verfolgen grundsätzlich das gemeinsame Ziel, unerwünschte Systemzustände und deren Folgen zu begrenzen. Einzelne technische Anforderungen können dennoch miteinander konkurrieren. Ein Beispiel ist die Verfügbarkeit. Für eine sicherheitsrelevante Funktion kann eine hohe Verfügbarkeit erforderlich sein. Aus Security-Sicht kann es dagegen Situationen geben, in denen eine Verbindung getrennt, ein Zugang gesperrt oder ein Systemteil isoliert wird. Ein weiterer möglicher Zielkonflikt betrifft Software-Updates. Sicherheitslücken können Änderungen einer Software erforderlich machen. Bei sicherheitskritischen Funktionen verändert ein Update jedoch möglicherweise einen zuvor bewerteten oder validierten Systemzustand. Auch Zugriffsrechte können unterschiedliche Anforderungen erzeugen. Cybersecurity verlangt häufig starke Authentisierung und restriktive Berechtigungen. In Notfall- oder Wartungssituationen kann gleichzeitig ein schneller Zugriff auf bestimmte sicherheitsrelevante Funktionen erforderlich sein. Weitere Schnittstellen entstehen beispielsweise bei: • Diagnose- und Wartungszugängen, • Remote Access, • Software- und Firmware-Updates, • Kommunikationsschnittstellen, • Logging und Monitoring, • Netzwerksegmentierung, • Cloud-Anbindungen und Backend-Systemen, • Lieferantenkomponenten und Softwarebibliotheken. Die Bewertung eines Systems ausschließlich aus einer Safety- oder ausschließlich aus einer Security-Perspektive kann solche Wechselwirkungen nur teilweise erfassen. Automotive: ISO 26262 trifft ISO/SAE 21434 Im Fahrzeug ist die Verbindung zwischen funktionaler Sicherheit und Cybersecurity besonders sichtbar. Brems-, Lenk-, Antriebs- und Fahrerassistenzfunktionen basieren heute auf vernetzten elektronischen Steuergeräten und komplexer Software. Gleichzeitig kommunizieren Fahrzeuge über zahlreiche externe Schnittstellen mit anderen Systemen. ISO 26262 behandelt dabei die funktionale Sicherheit sicherheitsrelevanter elektrischer und elektronischer Fahrzeugsysteme. ISO/SAE 21434:2021 adressiert das Cybersecurity Engineering über den Fahrzeuglebenszyklus. Die beiden Perspektiven sind unterschiedlich, können sich bei einem konkreten System jedoch auf dieselben Komponenten und Funktionen beziehen. Bemerkenswert ist auch die derzeitige normative Entwicklung: Die nächste Generation verschiedener Teile der ISO-26262-Reihe befindet sich 2026 bereits im Entwurfsstadium. Mehrere Teile liegen derzeit als Draft International Standard für eine dritte Ausgabe vor. Die Schnittstelle von Safety und Security bleibt damit auch normativ ein dynamisches Fachgebiet. Industrie: Wenn OT-Security physische Prozesse berührt In industriellen Anlagen ist die Abhängigkeit besonders unmittelbar. Industrielle Steuerungssysteme überwachen oder steuern Maschinen, Produktionslinien und technische Prozesse. Gleichzeitig sind viele dieser Systeme inzwischen mit Unternehmensnetzwerken, Fernwartungssystemen oder Cloud-Diensten verbunden. Ein Security-Ereignis kann deshalb nicht nur Daten oder die Verfügbarkeit eines IT-Systems betreffen, sondern unter Umständen einen physischen Prozess beeinflussen. Die IEC 61508 bildet einen grundlegenden normativen Rahmen für elektrische, elektronische und programmierbare elektronische Systeme, die Sicherheitsfunktionen ausführen. Die IEC-62443-Reihe adressiert dagegen Cybersecurity in industriellen Automatisierungs- und Steuerungssystemen. Gerade an den Übergängen zwischen Safety-Systemen, Produktionsnetzwerken, Engineering-Systemen und externen Kommunikationsverbindungen zeigt sich deshalb die Bedeutung einer systemischen Betrachtung. Medizintechnik: Cybersecurity kann Patientensicherheit berühren Auch in der Medizintechnik sind Safety und Security zunehmend miteinander verbunden. Medizinprodukte können heute Software, Netzwerkschnittstellen, mobile Anwendungen, Cloud-Dienste oder externe Datenquellen umfassen. Cybersecurity-Ereignisse können damit unter bestimmten Umständen Auswirkungen auf die Verfügbarkeit oder korrekte Funktion medizinischer Systeme haben. Die ISO 14971:2019 bildet den grundlegenden internationalen Rahmen für das Risikomanagement von Medizinprodukten und wurde 2025 erneut bestätigt. Für Health Software behandelt IEC 81001-5-1:2021 ausdrücklich Cybersecurity-Aktivitäten innerhalb des Produktlebenszyklus. Besonders interessant für das Zusammenspiel von Safety und Security ist, dass die Norm ausdrücklich auf ein angemessenes Verhältnis zwischen Safety, Effectiveness und Security verweist. Auch regulatorisch bleibt dieser Bereich hochaktuell. Die US-amerikanische FDA veröffentlichte im Februar 2026 eine aktualisierte finale Guidance zu Cybersecurity in Medical Devices und ersetzte damit die Fassung vom Juni 2025. Die systemische Perspektive wird wichtiger Bei komplexen vernetzten Systemen reicht die Betrachtung einzelner Komponenten häufig nicht aus, um alle relevanten Abhängigkeiten sichtbar zu machen. Systemrisiken können sich über mehrere technische und organisatorische Ebenen entwickeln: Eine Softwarekomponente kann mit einem Steuergerät kommunizieren. Das Steuergerät ist Bestandteil eines Subsystems. Dieses wiederum kommuniziert mit anderen Systemen und möglicherweise mit externen Plattformen. Zusätzlich bestehen Abhängigkeiten zu Herstellern, Softwarelieferanten, Cloud-Anbietern und Wartungsprozessen. Dadurch können sich Safety- und Security-relevante Zusammenhänge über den gesamten Lebenszyklus eines Systems erstrecken – von Entwicklung und Integration über Produktion und Betrieb bis zu Updates, Wartung und Außerbetriebnahme. Diese Entwicklung erklärt auch, weshalb moderne Normen zunehmend Lebenszyklus-, Schnittstellen- und Lieferkettenaspekte berücksichtigen. Zusätzliche Aktualität durch den EU Cyber Resilience Act Auch der regulatorische Rahmen für digitale Produkte entwickelt sich weiter. Für viele Produkte mit digitalen Elementen schafft der EU Cyber Resilience Act (Verordnung (EU) 2024/2847) ein neues europäisches Cybersecurity-Regime. Besonders aktuell: Seit 11. September 2026 gelten bereits bestimmte Meldepflichten für aktiv ausgenutzte Schwachstellen und schwerwiegende Sicherheitsvorfälle. Die meisten übrigen Bestimmungen der Verordnung gelten ab 11. Dezember 2027. Die konkrete Anwendbarkeit hängt dabei vom jeweiligen Produkt und gegebenenfalls bestehenden sektoralen Vorschriften ab. Cybersecurity wird damit zunehmend nicht nur zu einem technischen, sondern auch zu einem regulatorischen Produkt- und Systemthema. Safety und Security: zwei Disziplinen – ein vernetztes System Funktionale Sicherheit und Cybersecurity besitzen unterschiedliche Methoden, Begriffe und normative Grundlagen. In einem vernetzten sicherheitskritischen System wirken sie jedoch auf dasselbe technische Gesamtsystem. Ein Security-Ereignis kann Safety-Auswirkungen haben. Umgekehrt können technische Maßnahmen zur Absicherung eines Systems Eigenschaften beeinflussen, die für seine funktionale Sicherheit relevant sind. Automotive-Systeme, industrielle Automatisierung und vernetzte Medizinprodukte zeigen besonders deutlich, dass moderne Systemrisiken nicht ausschließlich innerhalb einzelner Fachdisziplinen entstehen. Mit zunehmender Vernetzung, Softwareorientierung und Abhängigkeit von digitalen Lieferketten wird deshalb auch die Schnittstelle zwischen Safety und Security zu einem eigenständigen technischen und normativen Betrachtungsfeld. Dienstleistungen von intellcert Die intellcert GmbH bietet in den Fachgebieten Cybersecurity und funktionale Sicherheit – abhängig vom jeweiligen Leistungsgegenstand – Zertifizierungs-, Inspektions- und Schulungsdienstleistungen an. Unsere Zertifizierungs- und Inspektionsleistungen dienen der unabhängigen Bewertung beziehungsweise Feststellung und beinhalten keine Beratung. Weitere Informationen zu unseren Leistungen und aktuellen Schulungsterminen finden Sie unter intellcert.com. 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